Ein Beitrag von Sven Bergau, Deutsche Umwelthilfe
Der Planetary Health Check 2025 zeigt: Sieben von neun planetaren Grenzen sind überschritten. Gleichzeitig häufen sich die Verletzungen von Menschen- und Arbeitsrechten in unseren Lieferketten [1][2][3]. Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) ist ein Hebel gegen entwaldungsbasierte Risiken und damit u.a. ein wichtiges Instrument gegen Klimawandel und Artenschwund. Sie hat außerdem das Potenzial, soziale Standards in den Lieferketten sicherzustellen. Doch Verzögerungen und „Vereinfachungen“ drohen Wirkung und Planungssicherheit zu schwächen.
Rückverfolgbarkeit und Legalität als Kernanforderungen
Die EU-Entwaldungsverordnung (Verordnung (EU) 2023/1115) verpflichtet Unternehmen, relevante Rohstoffe (Rinder, Kakao, Kaffee, Ölpalme, Kautschuk, Soja, Holz) und daraus hergestellte Produkte (z. B. Leder, Schokolade, Möbel) beim Inverkehrbringen in der EU auf Entwaldungsfreiheit und Legalität zu prüfen. Zentrales Element – und eine Erkenntnis aus der EU-Holzhandelsverordnung (EUTR) – ist die Rückverfolgbarkeit bis zur Anbaufläche über Geolokationsdaten. Die dadurch erreichte Transparenz ermöglicht operative Compliance-Prozesse.
Die EUDR fordert auch, dass Produkte legal produziert werden. Diese Legalitätsanforderung ist ein zentrales Prinzip der EUDR: Sie knüpft an nationales Recht im Produktionsland an (z. B. Landnutzungsrechte, Umwelt- und Arbeitsvorschriften). Damit stärkt die Verordnung die Umsetzung von Mindeststandards und begrenzt ein „race to the bottom“ über intransparente Herkunft und schwache Kontrollen. Geodaten, Lieferkettenbezug und Legalitätsprüfung schaffen Ansatzpunkte, um Landraub und Rechtsverletzungen in EU-relevanten Wertschöpfungsketten besser zu adressieren.
Stand Januar 2026: Verschiebung, Ausnahmen, Überarbeitung vor dem Start
Im Dezember 2025 haben EU-Parlament und Rat eine erneute Verschiebung sowie inhaltliche Änderungen beschlossen: Große Unternehmen müssen die EUDR erst ab dem 30. Dezember 2026 anwenden; Kleinst- und Kleinunternehmen erhalten zusätzliche Zeit (bis 30. Juni 2027). Damit verlängert sich in der Praxis die Phase, in der Produkte, die im Zusammenhang mit Entwaldung stehen, weiter auf den EU-Markt gelangen.
Zusätzlich wurden Ausnahmen und „Erleichterungen“ eingeführt, u. a. durch die Streichung von Druckerzeugnissen aus dem Anwendungsbereich und dem Verzicht auf Sorgfalts- und Transparenzpflichten für zahlreiche Forstbetriebe sowie Supermärkte. Dadurch verliert die EUDR massiv an Durchsetzungskraft[4].
Besonders kritisch ist, dass bereits im April 2026 eine weitere Überarbeitung vorgesehen ist – also noch bevor die Regeln praktisch greifen. Dadurch entsteht eine erneute Unsicherheit darüber, was denn nun in Zukunft gelten wird und es besteht darüber hinaus die Gefahr, dass weitere Erleichterungen für Wirtschaftsakteure beschlossen werden, die die Transparenz und Kontrollmöglichkeiten zusätzlich schwächen[5].
Umsetzung entscheidet über Schutz und Resilienz
Für lokale und indigene Gemeinschaften – oft die vulnerabelsten und zugleich wichtigsten Akteur*innen für Waldschutz – steht viel auf dem Spiel: Entwaldung und Flächennutzungsänderungen gehen häufig mit Konflikten um Landrechte, Wasserzugang, Gesundheit und Sicherheit einher[6]. Entscheidend ist daher die Umsetzung von Regeln wie der EUDR: Nur wenn Rückverfolgbarkeit, wirksame Kontrollen und Konsequenzen für Fehlverhalten in der Praxis gesichert werden, entsteht ein realer Markt- und Rechtshebel, der Risikoexternalisierung begrenzt und Prävention erzwingt.
Werden Umwelt- und Naturschutzregeln in Deutschland und Europa politisch zerlegt, verlieren Menschen ihre Lebensgrundlagen, Ökosysteme ihre Stabilität und auch Unternehmen mittelfristig die Grundlagen für stabile Lieferketten, Risikokalkulation und Investitionssicherheit. Genau deshalb ist jetzt der Zeitpunkt, die EUDR nicht weiter auszuhöhlen, sondern ihre Umsetzung als strategisches Resilienzprogramm zu stabilisieren.
[1] https://www.hrw.org/report/2025/10/15/tainted/jbs-and-the-eus-exposure-to-human-rights-violations-and-illegal
[2] https://www.earthsight.org.uk/secret-ingredient
[3] https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Naturschutz/Soja/Soy_Story_Deutsch_Release_2810_komprimiert_f%C3%BCr_web.pdf
[4] https://www.theguardian.com/environment/2025/dec/31/eu-legislation-intended-to-fight-deforestation-has-been-effectively-dismantled
[5] https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2025/12/18/deforestation-council-signs-off-targeted-revision-to-simplify-and-postpone-the-regulation/
[6] https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Naturschutz/Soja/Soy_Story_Deutsch_Release_2810_komprimiert_f%C3%BCr_web.pdf


